Italienprojekt: TUSCANY DOG PROJECT

Langzeit-Verhaltensbeobachtungen an drei verwilderten Haushundegruppen in der Toskana/Italien

Wissenschaftliche Projektbegleitung: Dr. Udo Gansloßer

Wozu eigentlich verwilderte Haushunde erforschen?

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Große Beobachtungsgruppe in San Rossore
© Günther Bloch

„Straßenhunde“ sind in aller Munde. Leider stellt dieser Begriff eine völlige Verallgemeinerung dar. Die soziale Organisation von Hunden, die nicht unmittelbar mit dem Menschen zusammenleben, kann nämlich je nach Lebensraum äußerst unterschiedlich sein. Sie reicht von einer straffen Gruppenstruktur, über lose Lebensgemeinschaften bis hin zum Einzelgänger. „Wilde Hunde“ gelten aus verhaltensbiologischer Sicht als eine Art Bindeglied zwischen Wolf und unseren Familienhunden. Die Hunde-Farm führte von Anfang 2005 bis Ende 2007 in Zusammenarbeit mit vielen Volontären und Studentinnen verschiedener Universitäten eine Freilandstudie im „Parco Naturale San Rossore“ (220km2) durch, um das Verhaltensinventar von verwilderten Haushunden zu erforschen.

Die drei Hundegruppen lebten NICHT in einem eingezäunten Areal, besetzten Territorien von mehreren Dutzend Quadratkilometern, brachten ihre Welpen in Erdhöhlen zur Welt und kannten demzufolge keine Prägung auf den Menschen. Zwar hatten Tierschützer im Wald feste Futterplätze angelegt, dennoch verhielten sich die verwilderten Haushunde zum Teil extrem scheu gegenüber Menschen. Mit Hilfe der italienischen Veterinärärztin Dr. Cecilia Ambrogi wurden mehrere, unterschiedlich alte Hunde eingefangen und mit so genannten Radiohalsbändern (Peilsendern) ausgestattet. Diese Aktion versetzte uns in die Lage, täglich kontinuierliche Verhaltensbeobachtungen durchzuführen. Wir haben umfangreiche Lebensdaten zu allen Individuen bis zu deren Tod gesammelt und gelernt, wie sich die Hunde kommunikativ verständigten. Bis zum Abschluss der Studie im Dezember 2007 konnten wir das umfangreichste Filmarchiv anlegen (über 200 Videobänder a 1-1,5 Std.), das jemals an verwilderten Hunden gemacht worden ist. Dieses Filmmaterial steht uns heute für Fachvorträge und Seminare jederzeit zur Verfügung.

Ein Fazit aus knapp drei Jahren Forschungsbemühungen:

Die bis zu 14 Familienmitgliedern zählende „große Beobachtungsgruppe“ formte im Kontrast zur leider gängigen Annahme in Bezug auf „Straßenhundeverhalten“ eine wolfsähnliche Rudelstruktur. Sie schliefen zusammen, fraßen zusammen und verteidigten ihren Nachwuchs gemeinsam gegenüber ihrem Hauptfeind Wildschwein. Diese Gruppe wurde eindeutig von einem Leitweibchen namens „Eurecia“ angeführt. Die beiden anderen Gruppen lebten eher in lockeren, bisweilen wenig kooperative Kleinverbänden. Die Tiere waren laut unserer DNA-Untersuchungen zum größten Teil miteinander verwandt. Der Hundebestand vermehrte sich nicht uferlos, wie von vielen prophezeit, sondern nahm sogar ab. Kein Hund verhielt sich aggressiv gegenüber Menschen.

Die Hunde verhielten sich allesamt sehr territorial, wenn Fremdhunde versuchten, in ihr Revier einzudringen. Spaziergänger (mit und ohne Hund) wurden zwar verbellt, aber niemals direkt angegriffen. Gleiches galt für Fahrradfahrer und Jogger.

Trotz zum Teil schwieriger Lebensumstände wurden einige Hunde, wie etwa die Rentner „Vecchione“ und „Daniele“, sogar 11-12 Jahre alt. Die Haupt-Todesursache lag laut tierärztlicher Untersuchungsbefunde in massivem Herzwurmbefall begründet.

Innerhalb unseres „Toscany Dog Project“ wurden insgesamt fünf Diplomarbeiten erarbeitet:

1.) Mira Meyer (Uni TU München): Die Beschwichtigungssignale der Hunde
2.) Sandra Fischer (Uni Würzburg): Die Abbruchsignale der Hunde
3.) Valeska Stöhr (Uni Marburg): Olfaktorische Kommunikation bei Hunden (Markierverhalten)
4.) Victoria Warstadt (Uni Bonn): Zuteilungsbeziehungen und hierarchische Strukturen beim Zugang zu Futter (Futterrangordnung)
5.) Annekathrin Ganß (Uni Göttingen): Dominanzverhalten in der Rangordnung von Hunden

Interessierte Hundehalter können die o.g. Diplomarbeiten bei uns ebenso bestellen wie das projektbezogene Buch „Die Pizza-Hunde“, bzw. die gleichnamige DVD.
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